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Aus der Chronik der Friseurinnung

Die Zünfte der Vergangenheit, die zweifellos Aufschwung und Wohlstand der Städte des Mittelalters mit begründeten, waren mit ihren teilweise starren Gesetzen den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr gefolgt. Diese wandte sich gegen Zwang und Beschränkung der persönlichen Freiheit und machte so die Zünfte kraftlos. So war deren Auflösung in Bayern am 1. Juli 1868 durch amtliches Dekret das äußere Zeichen der Zeit und eine natürliche Folge der Entwicklung. Freilich: von einem Extrem ins andere zu fallen, geht auf Dauer nicht gut, Die Gewerbefreiheit öffnete Pfuschern und Dilettanten Tür und Tor. Jeder konnte ohne Lehre und vorgeschriebene Gesellenzeit anfangen, was er wollte. Nach jahrelangen,  trüben Erfahrungen besann sich das Handwerk eines Besseren. Es bildeten sich freie Vereinigungen der einzelnen Handwerker: Die Innungen wurden geboren.

Dem Friseurmeister Eduard Schramm, gebührt das Verdienst, die Förderungen der Zeit nicht nur erkannt, sondern auch gehandelt zu haben.

Er gründete am 2, Juli 1906 in der "Roths Brauerei" in der oberen Straße mit dreizehn Kollegen die "Freie Vereinigung der Friseure, Bader und Perückenmacher"

In seiner vitalen, aufgeschlossenen Art ging er nicht nur mit der Zeit, sondern war dieser noch voraus.
Er war ein vorbildlicher Meister in seinem Betrieb, war weitblickend, seinen Kollegen ein Führer, der den Zusammenschluss vorantrieb. Der einzelne konnte nichts oder wenig, die Geschlossenheit einer Innung aber vieles erreichen. Dieses war auch der Grund für die im Jahre 1907 auf Wunsch aller Friseurmeister erfolgte Umbildung der freien Vereinigung in eine Zwangsinnung, welche nun die Gesellenprüfung einführte und abnahm.
Am 11. Januar 1907 führte man die Friseur-Gesellenprüfung ein.

Die elf Gründungsmitglieder waren:

Schramm Eduard Schweinfurt 1. Obermeister
Bauer Schweinfurt 2. Obermeister
Rotermundt Schweinfurt Schriftführer
Stoll Rudolf Schweinfurt Kassier
Hippele Max Schweinfurt Beisitzer
Bandorf Sennfeld Beisitzer
Groha Georg Schweinfurt  
Meißner Ernst Schweinfurt  
Schmitt Julius Schweinfurt  
Niedermeyer Karl Schweinfurt  
Hinzmann Schweinfurt  
Haupt Schweinfurt  
Bernhard Jakob Gochsheim  

Es war ein verhältnismäßig bescheidener Anfang.
Die Zwangsinnung führte alle Kollegen zur Innung und zur Mitarbeit im Handwerk, was sich im Allgemeinen segensreich auswirkte.

Zum Leidwesen aller trat Obermeister Eduard Schramm im Jahre 1910 von seinem Amt aus beruflichen Gründen zurück. Sein Geschäft hatte sich so vergrößert, dass ihm für die Gemeinschaftsarbeit keine Zeit mehr blieb.

Friseurmeister Hans Nagel wurde der Innung ein würdiger Nachfolger. In seiner Amtszeit entstand die Unterstützungskasse- und Sterbekasse, die den Bedürftigen Kollegen in Krankheit und Tod bescheidenen Beistand leisteten. Obermeister Hans Nagel erfreute sich allgemeiner Wertschätzung.
Sein temperamentvolles, menschenfreundliches Wesen gab der Innungsarbeit Auftrieb. In der Zeit seiner Amtsführung fiel der erste Weltkrieg mit drückenden Lasten. Ein großer Teil der Kollegen, Meister und Gehilfen erfüllten als Soldaten ihre Pflicht für das Vaterland.
Die Rationalisierung der Materialien und deren Verteilung war Sache des Obermeisters; sie wurde zur allgemeinen Zufriedenheit ausgeführt.

Friseurmeister Georg Groha trat im Jahre 1919 als Obermeister ein schweres Amt an. Die Zeit nach dem 1. Weltkrieg mit Inflation, wirtschaftlichem Niedergang von Handel, Handwerk und Gewerbe war eine der schwersten in unserer Geschichte. In diesen bewegten Jahren war der Streit um die Preisgestaltung die Ursache vieler Widerwärtigkeiten innerhalb der Kollegenschaft. Der umsichtige und erfolgreiche Obermeister Groha konnte diese Schwierigkeiten jedoch meistern. Er steuerte das Innungsschiff mit sicherer Hand und geschickt durch alle gefahrvollen Klippen währen dieser aufgewühlten Zeit. Das war nur möglich infolge seiner ruhigen, sachlichen Art, die ihm die Achtung und Liebe aller Innungsmitglieder zubrachte. 1933 legte der beliebte Obermeister sein Amt nieder.

Friseurmeister Heinrich Delage übernahm die Leitung der Innung, keine leichte Aufgabe, da nun alle Anordnungen und Gesetze " von oben" gegeben wurden. Am 5. Dez. 1935 trat jenes Gesetz in Kraft, nach dem nur derjenige ein Friseurgeschäft betreiben konnte, der im Besitz einer Handwerkskarte war. Diese bekamen aber nur derjenigen, der  die  Meisterprüfung mit Erfolg abgelegt hatte. Alle Geschäftsinhaber, die keine Meisterprüfung hatten, konnten diese bis zum 1.Dez.1939 nachholen, andernfalls mussten sie ihr Geschäft schließen. Der Ausbruch des Krieges verhinderte die Durchführung dieser Anordnung, die zur Gesundung unseres Handwerks notwendig war.
Obermeister Heinrich Delage war auch von 1924  bis 1945 Fachlehrer der Friseurklassen an der Berufsschule Schweinfurt. sein großes berufliches Wissen und Können ließen ihn für diese Aufgabe besonders geeignet erscheinen; er stand deshalb in hoher Achtung bei allen Kollegen. 1945 legte er sein Amt nieder.

Im Jahr 1945 berief man einen Mann an die Spitze der Innung, wie es wohl keinen besseren für so schwierige Zeiten geben konnte: Friseurmeister Andreas Kraft, einen Idealisten nicht nur für das Friseurhandwerk, sondern auch für das gesamte Handwerk. Ihm und dem Innenausschuss ist es zu danken, dass die schier ungeheuerlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit überwunden werden konnten; er gewann alle Kollegen wieder für das Innungsleben. In dieser Zeit, da alles unzulänglich war, da es an Arbeitskräften ebenso mangelte wie an Materialien, Werkzeugen und Geräten, in der aber die Arbeitsleistung ebenso wie die Bedienungspreise nicht höher als vorher waren, leistete das Friseurhandwerk höchst Beachtliches. Es waren ja Jahre gewerblicher und organisatorischer Anarchie, die erst mit der Währungsreform überwunden wurden, die auch der Friseurinnung Schweinfurt als einer festgefügten Organisation wieder Schwung und Geschlossenheit gaben. In oftmals schwierigen Situationen war Andreas Kraft der ruhende Pol, der es mit Humor und Witz verstand, das versöhnende Gleichgewicht wieder herzustellen. Wer mit irgendeinem Anliegen zu ihm kam, hatte keinen vergeblichen Weg getan. Sein Rat war klug und ehrlich. Bei Behörden und Vereinen war er geachtet und stand er in hohem Ansehen. Dies war sicherlich auch der Grund dafür, dass man Obermeister Kraft beim Landesinnungsverband des Bayerischen Friseurhandwerk zum Präsidialmitglied und bei der Handwerkskammer für Unterfranken zum Kammerbeirat und Vorstandsmitglied berief.
Die Würdigung wäre unvollständig, wenn wir nicht den Mann im gleichen Zuge nennen, der mit ihm in Freundschaft und gleichem handwerklichen Geist verbunden war und der das Amt des stellvertretenden Obermeister inne hatte: August Lutz.

Beide zusammen waren die geistigen Väter unserer Fachschule, um der Berufsjugendliche für ihr späteres Leben eine gründliche Ausbildung zu sichern. Mit unendlicher Mühe und mit Liebe warben sie für diese Fachschule und sie verstanden es, den verehrten und handwerksfreundlichen Oberbürgermeister Georg Wichtermann aber auch die Leitung der Berufsschule in Schweinfurt und den Präsidenten der Handwerkskammer für Unterfranken in Würzburg, Senator Philipp Schrepfer, für diesen Gedanken zu gewinnen. Ihnen allen, aber auch dem Entgegenkommen namhafter Firmen, ist es zu danken, dass im Jahre 1954 die Fachschule ihrer Bestimmung übergeben werden konnte.

Keiner glaubte im Ernst daran, dass die frohe Vitalität des Obermeisters Andreas Kraft jemals aufhören würde. 1960 legte er mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand sein Amt als Obermeister nach 15 jähriger Tätigkeit nieder.
Es war eine Selbstverständlichkeit, dass Friseurmeister August Lutz, mit den Innungsgeschäften bestens vertraut, in die Fußstapfen seines Vorgängers trat und als Obermeister dessen Funktionen übernahm. er brachte viel guten Willen mit und arbeitete mit Eifer für die Belange unserer Friseurinnung. Sein Verdienst ist es, für die Innung ein lückenloses, präzis geordnetes Archiv, das über alles in Bild und Schrift genau Auskunft gibt, geschaffen zu haben.

Eine schwere Verwundung im Krieg und sein angegriffener Gesundheitszustand waren die einzigen Gründe, die August Lutz 1962 schweren Herzens veranlassten, das Amt des Obermeisters niederzulegen. Er tat es mit dem Versprechen, soweit es mit seiner Gesundheit zu vereinbaren wäre, auch in Zukunft der Berufsgemeinschaft zu dienen.

Nachfolger wurde Friseurmeister Paul Hampe. Der neue Obermeister war im Innungsleben kein unbekannter. So amtierte er seit 1954 mit Erfolg als Fachleiter an der Berufsschule in Schweinfurt, Fachklasse Friseure. Unter guter Zusammenarbeit mit Herrn Gewerbestudienrat Friseurmeister Hans Schmid wurde das von Andreas Kraft und August Lenz gegründete Werk der Friseurfachschule bis zur Vollkommenheit ausgebaut. Diese ist heute eine Stätte ernster, fachlicher Arbeit. 1960 wurde Hampe Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses. Der Rücktritt des Ehrenobermeisters Andreas Kraft von seinen Ämtern an der Handwerkskammer für Unterfranken in Würzburg war der Grund für die 1960 erfolgte Berufung von Obermeister Paul Hampe zum Kammerbeirat in Würzburg. 1963 wurde er Vorstandsmitglied der Handwerkskammer Unterfranken, Außenstelle Schweinfurt, als Nachfolger für den scheidenden Ehrenobermeisters der Bäckerinnung Karl Nagel. Als Obermeister hat er die berufsständigen Interessen der Schweinfurter Friseurinnung, aber auch des Berufsnachwuchses erfolgreich vertreten. Die fachliche Unterweisung der Gesellen und Lehrlinge im Rahmen der überbetrieblichen Ausbildung war zusätzlich immer sein besonderes Anliegen.

Die Kolleginnen und Kollegen der Schweinfurter Friseurinnung wissen, dass sie mit ihrem Obermeister und Innungsvorstand Männer an ihrer Spitze berufen haben, die zum Gedeihen unseres Handwerks alles tun, was menschenmöglich ist.

"Gott schütze das ehrbare Handwerk"